Sehr geehrte Damen und Herren,

im beginnenden 16. Jahrhundert tobte ein Streit zwischen den rivalisierenden Städten Florenz und Venedig: Die Maler der Lagunenstadt galten als Meister der Farbe, doch ihnen wurde vom Kreis um Michelangelo die Fähigkeit abgesprochen, virtuos mit dem Zeichenstift umgehen zu können. Die Konkurrenz zwischen Zeichnung und Malerei, Kontur und Kolorit flammte zwischen den Rubenisten und Poussinisten im 17. Jahrhundert und zwischen den Anhängern von Ingres und Delacroix im 19. Jahrhundert wieder auf. Während sich die Positionen einst unversöhnlich gegenüberstanden, münden sie bei Ulrike Seyboth und Ingo Fröhlich in ein kooperatives Projekt: „Ich zeichne die Zeit, Du malst den Moment“ ist ein Dialog über Kunst und ein inspirierendes Wechselspiel zweier Künstlerpersönlichkeiten.

Die Zusammenarbeit begann 2012, doch die beiden kennen sich schon viel länger, sie studierten nämlich in den 1990er Jahren im selben Semester an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Ulrike Seyboth war für Malerei eingeschrieben, Fröhlich für Bildhauerei. Als sie sich fast 10 Jahre später zufällig wiedertrafen, entdeckten sie überraschende, gemeinsame Ansätze. Bei beiden bildet die Natur einen wichtigen Ausgangspunkt, bei beiden steht der Arbeitsprozess stark im Vordergrund, doch ganz zentral ist das gemeinsame Thema „Weiß“ bzw. die „Leerstellen“ im Bild. Jene erscheinen als Verweis auf den Bildträger, also auf die Leinwand oder das Papier, auf dem Volles und Leeres nebeneinander stehen und dabei ein und denselben Zustand beschreiben. Um dies zu konkretisieren: In Fröhlichs Zeichnungen sowie in der Malerei von Ulrike Seyboth ruht die Aufmerksamkeit des Betrachters im gleichen Maße auf dem Gestalteten wie dem Ungestalteten, und man kommt nicht umhin, dabei an die im Zen-Buddismus so zentrale Gleichzeitigkeit von Sein und Nichts zu denken. Form ist Leere, Leere ist Form. Die Ästhetik spricht von Unbestimmtheitsstellen im Bild, das heißt, dass ein Kunstwerk punktuell unvollendet zu sein scheint, um sich dann im Betrachter zu vollenden. Diese Leerstellen, bilden also so etwas wie Scharniere, die Blicke auf bestimmte Beziehungen öffnen, sie öffnen Räume der Interaktion zwischen Bild und Betrachter.

Ingo Fröhlich sagt: „Zeichnen erklärt mir die Welt, durch das Zeichnen erfahre ich etwas von der Welt“. In der Tat setzt er sich mit seiner Gabe der genauen Beobachtung und über die grafische Markierung auf dem Papier mit der Welt und der Wirklichkeit auseinander und er hat sich dabei die Natur der Natur angeeignet. Es ist es kaum möglich, die Umgebung genauer wahrzunehmen, kleinste Teilaspekte von Form und Struktur schärfer zu analysieren, als dies beim Zeichnen der Fall ist. Seine Werke entstehen im Atelier, doch früher hat Fröhlich viele Naturstudien gemacht. Im Jahr 2014/15 ist er bei einem Aufenthalt in Plüschow wieder darauf zurück gekommen und dabei sind auch diese beiden Zeichnungen mit dem Titel „Gewirk“ entstanden. Sie zeigen, dass florale Elemente hier durchaus eine Rolle spielen, er natürlichen Erscheinungsbildern nachspürt.

Eine reine Fantasiewiese zeigt hingegen das Blatt mit dem Titel „Aus der Sicht des Zwerges“. Von Anfang an war ihm klar, dass er sich beim Zeichnen wie ein Zwerg würde durch ein Dickicht hindurch kämpfen müssen und so schöpfte er aus seiner Freude an den Strukturen, die über seinen Strich im Bild angewachsen sind. Uns geht es beim Betrachten ganz ähnlich, wir befindet uns mitten zwischen den Pflanzen, bahnen uns mit den Augen einen Weg durch das Gestrüpp.

Abstraktion oder Gegenständlichkeit bilden für ihn keinen Widerspruch, alles wird während des konzentrierten, oft langwierigen Zeichenprozesses, Strich für Strich und damit über das Verstreichen von Zeit, untrennbar miteinander verknüpft. „Ich versuche, alles Narrative auszulöschen“, sagt der Künstler, „und mich nur auf die Strichführung zu konzentrieren. Was dann übrig bleibt, ist die Zeit.“ Das Bild ergibt sich aus dem Arbeitsprozess, also aus der Handlung heraus. Die Entscheidung für eine bestimmte Strich- oder Linienführung ist wichtiger als eine inhaltliche Fragestellung. Es geht um die Verwirklichung einer zeichnerischen Idee, wie etwa um den Rhythmus sich wiederholender Strichformationen, um die Verschiedenartigkeit von Strukturen und Übergängen.

Vielleicht wird das an dieser riesigen Wandzeichnung oder, besser, Raumarbeit mit dem Titel „Hommage à Luc Simon“, besonders deutlich. Mit dem Stift hat Ingo Fröhlich hier die Wand und damit auch den Raum abgetastet. Die Körperbewegung, aus der dieses Werk erwachsen ist, wird eindrücklich erfahrbar, gefragt ist aber auch der bewegte Betrachter, der vor und zurück tritt, die Wirkung der Zeichnung aus unterschiedlichen Entfernungen erkundet. Diese Raumarbeit zeigt seine Herkunft von der Skulptur, doch auch in den Zeichnungen findet sich ein bildhauerischer Ansatz. Vergleichbar den Hohlräumen, den offenen Raumformen einer Plastik, bestimmt das Nichtbezeichnete die Zeichnung und der Strich bildet nur dessen Umriss.

Der große 12-teilige Block („Streugut“) zeigt einen sich schrittweise entfaltenden Prozess. Man könnte von einzelnen Wörtern sprechen, die sich über die einzelnen Striche formulieren. Blatt für Blatt reihen sie sich zu Sätzen aneinander, die von dem handeln, was der Künstler die „Differenz in der Produktion des Gleichen“ nennt.

Ulrike Seyboth charakterisiert ihre Werke sehr schön, wenn sie von einer „eindringlichen Heiterkeit“ spricht. Auch ihr ist der Prozess des Machens wichtig, doch während Fröhlichs Entscheidungen früher fallen und er schon von Anfang an weiß, in welcher Geschwindigkeit und mit welchem Strich er vorgehen wird, bezieht Seyboth den Zufall als gestalterische Kraft mit ein. Zu einem dominierenden Element wird das nicht Planbare allerdings nicht, eher erleben wir das Ergebnis eines Prozesses, der einer Pendelbewegung zwischen einem automatischen Verfahren und einem reflektierten Vorgehen entspringt. So vergeht eine ganz Weile, bis Seyboth den ersten Strich macht und sie prüft auch ihr weiteres Vorgehen genau, fragt sich: Wann ist das Bild ein Bild? Wann hält die Komposition zusammen und wann bricht sie auseinander? Und ganz wichtig: Wann ist das Bild fertig? Mit ihren skripturalen Elementen wirken manche Werke wie kleine Briefe oder Schriftstücke, andere verfügen über die flüchtig-momentane Bewegung eines Tanzes. Seyboth sagt, dass sie zu Beginn ihrer Arbeit nicht weiß, wohin sie der Arbeitsprozess führt, dass das Unbekannte eine große Rolle spielt. Unbewusst reflektiere sie durch ihre Bilder die Welt und die Art, wie sie jene wahrnimmt. Sich selbst bezeichnet sie als eine „Lichtmalerin“, für die die Landschaft, die Natur eine wichtige Rolle spielt. So verwundert nicht, dass die drei eher dunklen, blauen Kompositionen, die wir in dieser Ausstellung finden, allesamt im Winter entstanden sind.

Betrachten wir Arbeiten wie die großformatige Komposition „Ionian Sea“ von 2018, das Bild Ihrer Einladungskarte, dann scheinen sich diese Kompositionen in alle Richtungen hin auszudehnen und sie vermitteln ein Gefühl von Grenzenlosigkeit. Die Materialität der Farbe offenbart die Bewegung der gestaltenden Hand und macht den Malprozess an sich zum Bildthema. Der Farbauftrag erfolgte nicht nur in Öl und mit dem Pinsel, hier zeichnete die Künstlerin auch mit Ölkreide in ihr Bild hinein und drückte blaue Papierringe ab, die von ihren Collagen stammen. Dazu kam ein subtraktives Vorgehen, bei dem sie Farbe mit dem Messer auch wieder weg nahm. Dieser rhythmisch erfolgende Farbauf- und -abbau zeigt, dass es nicht nur um das fertige Werk geht, sondern auch um den Weg dorthin, um einen Weg, der das Wagnis und die Gefahr des Scheiterns mit einkalkuliert, das Überwinden von Widerständen und den Mut, Risiken einzugehen beinhaltet. Zu diesem Gedanken passt, dass der Titel „Ionian Sea“ natürlich Assoziationen an Odysseus Heimatinsel Ithaka und seine zehnjährige Irrfahrt weckt. Und herausgefordert sind auch wir als Betrachter, wir brauchen Abstand und Zeit, um uns diesen Werken zu nähern. Doch wenn wir dann mit unseren Augen in diese opulenten Farbräume eintreten, dann entfaltet die Schönheit von Farbe und Form eine geradezu meditative Wirkung.

Seit etwa 1,5 Jahren entstehen auch Collagen, die durch den Abstand zu ihrem Untergrund und den Schattenwurf an den Rändern etwas Objekthaftes bekommen. Das Schneiden von Papier veränderte übrigens auch ihre Leinwandarbeiten. Denn die Linie wurde nun wichtiger und fand durch die Verwendung von Ölkreiden Eingang in die Malerei.

Sehr geehrte Damen und Herren, es ist ein schöner Dialog zwischen Malerei und Zeichnung, dem wir hier lauschen können. Die Malerei von Ulrike Seyboth und die Zeichnungen von Ingo Fröhlich  haben nichts Lautes, sie strahlen Ruhe aus, sie konzentrieren Kräfte im Raum und sind ein Angebot zur Stille. So sehen wir sich im Untergrund des Blattes verflüchtigende Linien, wir hören die Stille nach dem Rauschen des Ionischen Windes, wir erspüren eine zum Stillstand gebrachte Bewegung. Wir erleben drei verschiedene Arten des Überganges von Sein und Nichts.